TERRORGRUPPE
Die Punk-Veteranen aus Berlin haben nach langer Abstinenz ein neues Studioalbum herausgebracht. Was in den letzten Jahren so passiert ist und wie es mit der anstehenden Tour läuft, wollte ich brennend wissen. Johnny stellte sich meinen bohrenden Fragen und hatte nach dem Interview bestimmt Löcher im Bauch und eine trockene Kehle. Aber überzeugt Euch davon am besten selber.
Dies ist das erste Studioalbum seit 3 Jahren. Ihr lehnt Euch wie immer mit Euren Texten gegen Land und Leute auf. Das Album handelt vom Fundamentalismus, der sich in den letzen Jahren in den Köpfen der Leute breit gemacht hat. Ist das eher ein objektiver Eindruck oder sind Euch Dinge passiert, bei denen Ihr dachtet, dass Ihr im falschen Film seid?
– Das ist eher von außen betrachtet. In unseren Freundeskreis ist eigentlich nicht zu beobachten, dass die Leute vehement wieder in die Kirche rennen. Es ist einfach eine Beobachtung, ob es nun fundamentalistische Baptistenprediger in den USA sind, die massig Zulauf haben oder Wunderheiler in Brasilien oder halt die fundamentalistischen Islamisten in der ganzen arabischen Welt.
Ich wollte zu Euren neuen Songs kommen, und zwar zu dem Lied „ Kathedralen“. Der Songs trifft ziemlich den Nerv aller Gläubigen egal welcher Religion. Man könnte meinen, dass Euch der Glauben völlig egal sei. Wie haltet Ihr es mit ihm?
– Es gibt zwei Religionen, die nicht darauf versessen sind andere Leute zu bekehren. Es gibt 6oder 7 große Religionen mit mehreren hundert Unterspaten, die mehr oder weniger aggressiv damit beschäftigt sind ihren Glauben zu verbreiten oder anders Gläubige zu verteufeln.
Und Ihr selber habt nichts damit am Hut? Sodass Ihr auch vielleicht sagt, um Gottes Willen das Kind darf nicht getauft werden?
– Nein, das nicht, dies auf keinen Fall. Es geht hier um generelle Dinge, so dass die Leute wieder ihr Schicksal in die Hand von Gestirnen oder Göttern legen wollen. Sei es aus dem Grund, dass sie selber nicht mehr verantwortlich seien wollen oder ihnen die Welt als zu kompliziert erscheint.
Habt Ihr schon mal Probleme mit der Kirche bekommen?
– Sagen wir es mal so. Mit fundamentalistischen katholischen Christen in Bayern haben wir schon mehrmals Probleme gehabt. Sie wollten Konzerte verhindern oder haben uns angezeigt bei der Staatsanwaltschaft wegen Pornographie oder was weiß ich.
Der Song“ Doktor, Doktor“ handelt von unseren rechtsgerichteten Mitmenschen, mit denen Ihr wahrscheinlich mehr als genug Ärger habt. Was hat Euch dazu bewegt, dass das rechte Denken wieder mehr in Vormarsch ist?
– Ja, auf jeden Fall. Wie sich die Leute von Gestirnen angezogen fühlen, so fühlen sie sich auch zu seltsamen Stammesbünden und Volksgemeinschaften hingezogen. Das ist eine Sehnsucht nach irgendwas, das es in Wirklichkeit nie gegeben hat. Oder auch die Fiktion von einer deutschen Rassen, was absoluter Quatsch ist, da unsere Bevölkerung das Ergebnis von 30-40 Völkerwanderungen und Kriegen ist.
Ich kann mir vorstellen, dass bei Euren Konzerten der braune Mob vorbei schauen könnte.
– Das trauen sie sich nicht. Unsere Konzerte sind so voll, da hätten sie keine Chance. Wenn sie überhaupt kommen würden, dann aber nur versteht ohne Abzeichen etc.
Welchen Song ich noch sehr gelungen finde, ist „ Angela“. Die gute Fr. Merkel habt ihr sehr gut aufs Korn genommen.
– Es geht uns gar nicht so um die Person Angela, sie ist einfach nur das Mittelmaß des Mittelmaßes. Sie eckt ja eigentlich nirgendwo an, deswegen war es gerade so lustig fiese Spottverse auf sie zu machen.
Wie entstehen die Songs bei Euch?
– Wir treffen uns nie mit komplett fertigen Texten. Meistens ist es so, dass derjenige , der den Text anfängt, schon irgendwelche Riffs im Kopf hat. Der Rest, wie das strukturiert wird und ob diese Riffs dann so genommen werden, passiert alles gemeinsam. Der überwiegende Teil der Texte kommt von Archi und mir.
Bei dem jetzigen Album war es so, dass Ihr immer wieder Stücke eingespielt habt. Bremst dies ein bisschen die Kreativität?
– Der Zeitraum, in dem wir die Stücke eingespielt haben, war 18 Monate. Dies war viel besser so, da man ein paar Lieder aufnimmt und sie wieder auf Halde legt. Ein paar Monate später hat man Zeit alles wieder zu bearbeiten und das Alben hat mehr Zeit zum Reifen.
Das würdet Ihr das nächste Mal auch wieder machen?
– Ich denke ja. So oder so ähnlich.
Ich habe gesehen, dass Ihr super erfahrene Live –Akteure seid mit weit über 500 Auftritten in 10 Jahren. Seid Ihr irgendwie süchtig danach.
– Es geht schon auf die 700 zu. Nach Auftritten sind wir schon süchtig, aber nicht nach allem, was damit verbunden ist, das wären Nachtfahrten, lange Reisezeiten und Staus. Die Bühne ist schon das große, jedoch können die 22 Stunden drum herum schon ganz schön anstrengend sein. Auf der Bühne ist dann alles vergessen.
Wie schaut es denn aus mit Familienleben? Wird Kind und Kegel mitgenommen auf Tour?
– Wir haben uns noch nicht wesentlich vermehrt. Unsere Freundinnen kommen auch hin und wieder mit, aber keine ganze Tour, das wird zu langweilig für sie. Ich verstehe nicht, dass Leute gerne mit Bands mitreisen, da die Tour fast nur aus Warten besteht, Soundcheck, Abrechnung etc.
Ihr macht im September 4 Gigs in Berlin bei denen der Eintritt bei 5-6 Euro liegt. Kann man da noch was verdienen?
– Nein, die Berlin-Tour ist nur just for fun. Wir wollen halt jedes Jahr oder wie wir es schaffen eine kleine Bezirkstour machen in die Außenbezirke und dort wenig Eintritt nehmen für Leute, die sich nicht so häufig in der Stadtmitte rumtreiben. Wir wollen halt bewusst den Punk in die Vorstadt tragen und nehmen dann im Kauf, dass wir gegebenenfalls mit Miese rausgehen.
Dies bedeutet also, dass Ihr gut mit Eurem Geld haushalten könnt und nur noch Musiker seid?
– Mir machen noch was nebenbei. Ich bin nach wie vor bei Destiny als so was wie ein Labeladministrator, Archi arbeitet auch hin und wieder für Destiny , Steve ist ein gefragter DJ. Wir leben von der Musik, wenn wir lange unterwegs oder im Studio sind. Wenn wir mal 3 oder 6 Monate nicht unterwegs sind, machen wir hier schön unsere Jobs.
Ihr ward auch so nicht untätig. Nach den Plattenlabeln Gringo und Epitaph habt Ihr ein eigenes Label gegründet. Wie kam es dazu?
– Epitaph wollte kein Livealbum von uns herausbringen und gab uns die Freigabe, dass wir das Livealbum selber bei jeder beliebigen Firma veröffentlichen dürften. So haben wir uns gesagt, da machen wir unsere eigene. Dann kam das eine oder andere dazu, wie die Band The Movement., dessen Album Archi produziert hat. Zudem kam der Aggropop Sampler zu unserem 10jährigen Jubiläum. Und bei unserem neuen Album war es so, dass wir mit Epitaph nicht mehr zusammen arbeiten wollten. Dies ging von beiden Seiten aus.
Bei der Promo habt Ihr ziemlich drüber geredet, weil Ihr nicht möchtet, dass die Musik schon vorher ins Netz gestellt wird oder bei Ebay die Promo versteigert wird.
– Besonders das zweite ist sehr ärgerlich.
Wie steht Ihr denn generell zu der CD Priraterie? Es gibt Bands wie Metallica, die verabscheuen Fans, die sich die Musik aus dem Netz herunterladen.
– Es gibt da 2 Ebenen. Die eine ist ganz klar: CDs sind zu teuer. Wenn man bedenkt, dass man 16-17 Euro im Laden für eine CD zahlen muss und eine Vinyl vor 10 Jahren 9 Euro gekostet hat, so ist dies das Doppelte. Das andere Ding ist: CDs konkurrieren ganz klar mit Spielen und Klamotten, und auch hier sind 17Euro für so einen kleinen Silberling nicht ganz gerechtfertigt. Wir versuchen auch entweder ein großes attraktives Paket zu machen mit einer Bonus DVD auf der neuen oder eine exquisite Verpackung bei den Livealbum in Form einer Blechdose. Oder wir gehen direkt raus mit einer Midpreis-CD. Es ist ganz klar, dass sich die Industrie Ihr eigenes Grab geschaufelt hat, da im Vergleich mit anderen Sachen wie ein Konzertticket oder Ausgehen eine CD zu teuer ist.
Sehe ich das richtig, dass Euch das nicht so ärgert, wenn sich die Leute die Musik herunterladen? Kein Fan zweiter Klasse also?
– Es gibt echt viele Leute und auch gerade in der jetzigen Zeit, die keine Kohle haben, die sollen sich es doch bitte schön herunterladen , vielleicht haben sie dann noch ein bisschen Geld über um zu einen Konzert von uns zu gehen. Das sollen sie ruhig machen, ich weiß selber, dass es viele Leute gibt, die kein Geld haben.
Ich finde die Einstellung echt klasse und wünsche den Jungs viel Spaß auf der Tour und rappelvolle Hallen!
Kerstin Ziganke
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