TANZWUT
Das neue Album oder besser gesagt Doppelalbum von TANZWUT beinhaltet 18 Songs. Stark! Im Gegensatz zu den Vorgängeralben klingen sie wesentlich rockiger. Auch sonst gibt es keine Grenzen, was den Sound anbetrifft. Um noch mehr zu erfahren besuchte ich TANZWUT in ihrem Büro in Berlin und konnte meine Fragen stellen. Ausführliche Antworten bekam ich auch von Drummer Norri. Wollen wir mal starten.
Wie schon angedeutet ist das Album sehr unterschiedlich ausgefallen. Vor allem wird auf „Schattenreiter“ richtig gerockt. Wolltet ihr das Feeling, welches ihr live versprüht auch dieses Mal auf dem Album einfangen?
– Das war eigentlich die Grundidee, aber so wie sich TANZWUT in den letzten Jahren entwickelt hat, musste das Album so ausfallen, denn wir sind ja auch immer rockiger geworden. TANZWUT war ja auch am Anfang wesentlich anders angedacht.
Mehr in die Electro-Richtung.
– Richtig, denn wir wollten aus Corvus Corax mit Hilfe von Electro eine neue Band kreieren. Mit der Zeit gab es immer neue Ideen und es wurde auch rockiger. Zudem stießen ich und Patrick zur Band und wir haben ja auch in der Vergangenheit in Rockbands gespielt. Patrick sogar in einer Death-Band. Bei der letzten Scheibe „Ihr wolltet Spaß“ hatten wir das auch schon vor, aber wir waren wohl zur damaligen Zeit noch nicht so weit. Nach der Live-Scheibe, die auch bei den Rockmagazinen sehr gut ankam, haben wir dann versucht diesen rockigen Spirit auch auf der neuen Scheibe einzufangen. Wir sind auch arbeitstechnisch ganz anders an die neue Scheibe herangegangen. Ich erinnere mich, als ich früher mit Depressive Age Alben aufgenommen habe, wurden diese live eingespielt und dadurch entsteht bei den einzelnen Songs eine ganz andere Dynamik. Genau das haben wir auch auf dieser Scheibe gemacht, denn im Zeitalter des Computers kann man eine Scheibe glatt bügeln und das war nicht in unserem Sinne.
Hinzu kommt ja auch noch, dass ihr das Album selber produziert habt.
– Richtig, wir haben nicht nur die Songs geschrieben sondern auch selber aufgenommen. Zum Abmischen hatten wir Hilfe von Reiner Schirmer (Loommusic, Berlin). Da er auch die beiden letzten Scheiben von Bind Passengers abgemischt hat, die ja auch sehr rau waren und er zufällig auch hier in unserem Hof sein Studio hat, lag es auf der Hand ihn zu fragen und er war auch sofort bereit dazu. Jetzt ist er auch zum Tanzwut-Fan geworden.
Es ist euch wirklich gut gelungen, denn das Livefeeling ist wirklich deutlich spürbar. Man wird ja sofort gut mit dem Titelsong auf die rockige Schiene eingestimmt, denn dieses Stück ist ein richtiger Industrial-Metal-Kracher. Mit „Geisterstunde“ habt ihr ja wohl den Kracher schlechthin auf dem Album.
– Das sehen wir auch so. Bei uns ist es immer so, dass wir immer so arbeiten, als wenn es die letzte Scheibe wäre. Dadurch sind wir auch freier beim Schreiben der Songs. „Geisterstunde“ ist entstanden, als wir von einem Soulfly Konzert nach Hause kamen. Wir sagten uns dann, dass uns genau so etwas noch fehlen würde. Dann war der Song schon nach zwei Tagen fertig. Das ging richtig schnell. Wir brauchten eben noch einen richtig schwungvollen Song.
Und das sind sie auf der ganzen Linie. Neben solchen Speednummern gibt es auch andere Richtungen wie der an Rockabilly-Sound angelegten „“Im tiefen Gras“ und Stücke die zum Nachdenken vom Text her anregen. In dieser Kategorie gibt es mit „Der Arzt“, der mir sehr gut gefällt, denn wer braucht keinen Arzt, der einem die Jugend wiedergibt.
– Und vor allem etwas Neues ausprobiert. Das ist eben unser Spaß auf die Gesellschaft, die wir sehr gerne beobachten. Wir prangern ja nicht irgendwelche Zustände an, sondern nehmen sie gerne mal aufs Korn. Dieser ganze Jugendwahn und Schönheitskult wird immer dramatischer. Wir werden nun mal alle älter und das besagt ja nicht, dass wir auch hässlicher werden. Für viele Leute sind Falten was Unangenehmes. Ich denke mir, dass jede Falte etwas über den Menschen aussagt. Wenn jemand Lachfalten hat, dann ist das doch was Schönes. Wenn jemand immer mit herunter gezogenen Mundwinkeln herumläuft, hilft auch kein Arzt mehr.
Das sollte einem dann doch wieder zu denken geben.
– Die Menschen werden nun mal älter aber durch diesen ganzen Jugendwahn schwindet auch der Respekt vor älteren Leuten und das ist auch eine sehr negative Veränderung. Das findet man heute sehr oft im Berufsleben, denn dort werden Leute, die über Jahre ihr Wissen angehäuft haben, ein Problem im Handumdrehen lösen könnten. Dagegen haben die jüngeren Menschen anhand ihrer fehlenden Berufserfahrung ihre Schwierigkeiten und brauchen dementsprechend länger. Jetzt werden die Leute, die diesen Erfahrungsschatz besitzen alle in Rente geschickt und das macht überhaupt keinen Sinn. Ich finde diese Art ziemlich unmenschlich. Deswegen auch der Song „Der Arzt“ wo wir auch diese Leute mit anvisieren wollten. In Bezug auf Schönheitsoperationen fass ich mich heute manches Mal auch an den Kopf, denn an welchen Stellen heute so rumgebastelt wird ist schon wieder lächerlich. Aber so ist unsere Zeit eben, aber wir machen uns schon Gedanken über einen solchen Schwachsinn.
Das wird auch wirklich immer verrückter. Jetzt aber weiter, denn das Stück „Toccata“ in d-Moll von J. S. Bach finde ich ziemlich cool. Ich habe gelesen, dass ihr dieses Stück in einer Kirche aufgenommen habt.
– Das war schon das richtige Drama. Ich bin in der Band der Studiobeauftragte und habe dann mein Laptop mit einer tollen Soundkarte und Mikrofon in die Kirche geschleppt und nach kurzer Zeit hat der Laptop aber den Geist aufgegeben. Dann saßen wir da und ich bin erst einmal tobend rumgerannt. Nachdem ich dann vor der Kirche zur Beruhigung erst mal drei Zigaretten geraucht habe, ging ich wieder zur Band und meinte, dass wir nun den Plan B in Angriff nehmen müssten. Irgendwann mal haben wir uns umgeschaut und dann stand da ein altes ITT Schaub Lorenz Aufnahmegerät mit eingebautem Mikro. Nun brauchten wir nur noch eine Kassette. Die Aufnahmen mit diesem Gerät waren wirklich toll, denn nun hat der Sound irgendetwas von einem alten Film. Es passte wirklich gut.
Es passt eben zu TANZWUT.
– Richtig, denn wir stellen uns jeder Herausforderung und es gibt im Grunde für uns keine Probleme, die wir nicht bewältigen können. Zum Schluss hatte die Art des Aufnehmens Sinn gemacht.
Eine solche Aufnahme bekommt man in einem Studio auch wohl gar nicht so hin, denn man hört wirklich sehr gut den Hall der Orgel.
– Man würde auch dieses Charisma nicht einfangen können. Durch diesen Hall hört man sofort heraus, dass es wirklich eine Orgel war und nicht ein Keyboard. Somit ist es schon besser, wenn man alles in echt hat und die Strapazen und Aufregungen haben sich richtig gelohnt.
Der Titel „Schattenreiter“ hat doch sicher auch einen Hintergrund, oder?
– Der Song „Schattenreiter“ war ziemlich schnell ein Lieblingssong für uns. Er handelt ja inhaltlich von Menschen, die uns über eine Zeit mit begleitet haben. Man vergisst man schnell wieder, weil sie einem nichts Gutes gebracht haben und es gibt solche, die einem nur Gutes angetan haben und die begleiten einem als Schattenreiter. Deswegen lag es auch auf der Hand das Album so zu nennen.
Auf dem Album befinden sich 18 Songs. Hattet ihr wieder so viele Ideen auf Lager?
– Das lag wohl daran, dass wir schon lange kein Studioalbum mehr mit TANZWUT gemacht haben. In der ganzen Zeit hat sich eben so viel an Songs angehäuft. Wir wollten sie auch jetzt nicht in der Schublade verstauben lassen und deswegen ist es eben ein wenig großzügiger ausgefallen.
Was auch richtig gut ist, denn alle 18 Songs sind super und dann gibt es noch ein Video „Tanzwut live in Moskau“ auf dem Doppelalbum. Tolle Scheibe und bald können wir TANZWUT auch wider live bewundern können, nämlich im Mai sind sie wieder auf Tour. Bis dahin verabschiede ich mich, denn ich muss unbedingt einen Arzt aufsuchen!
Story: Gisela
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