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EDGUY

Vor kurzem hatte ich die Möglichkeit, von Tobias Sammet das bewegendste Geheimnis zu dem neuen, überarbeiteten Re-Release-Album von EDGUY zu erfahren. Dieser Savage Poet behauptete doch in einem Metal-Magazin, der Ritter, der in poetischer Pose das Cover des Albums „The Savage Poetry“ schmückt, sei ein verkleideter Bademeister…?

– Da wir eigentlich keine Klischees für unser Cover haben wollten, musste ich mich ja irgendwie herausreden. „Keine Ritter und keine Schwerter“, hatte ich zu unserem Coverzeichner gesagt, doch er kann wohl nicht so gut Deutsch und hat da offensichtlich was durcheinandergebracht. Es ist nicht so, dass ich Fantasy nicht mag. Meine erste Reaktion auf das Cover zu Savage Poetry war: „Geil! – …Aber Moment mal: Ist das nicht ein Ritter und das ein Schwert???“ Aber ich glaube, tief in seinem Inneren wünschte der Ritter zumindest, er wäre ein Bademeister. Wir hätten zwar auch noch Zeit gehabt, ein neues Cover machen. Aber das wollte ich nicht. Es ist so liebevoll gemacht, und ich finde, es wirkt auch gar nicht so klischeehaft und kitschig. Es passt irgendwie.

Tatsächlich passt auch sogar die Bezeichnung Bademeister paradoxer Weise zu eurem   Album: Der Bademeister als Meister der Verkleidung, gleichzusetzen mit dem „Spaßmacher“, der ein lachendes Gesicht als Maske trägt, damit man die Tränen nicht sieht und der niemanden in sein Herz schauen lässt. Ich spreche von eurem Song „Roses to Noone“.

– Du bist heute schon die dritte, die darauf anspricht. Ich finde es erstaunlich, dass ein Text, der fünf Jahre alt ist, so sehr greift. Aber ich bin keiner, der den ganzen Tag traurig ist und nur nach außen hin lustig. Vor fünf Jahren ging es mir tierisch auf den Keks, dass ich für die Leute nur der Entertainer war, der „Klassen-Clown“. Ich war das gerne, und es war auch alles recht lustig, aber mich hat keiner ernst genommen.

Bist du sicher, dass die Leute möchten, dass du der Clown bist?

– Natürlich möchten sie das. Da war z. B. so eine Geschichte mit einem Mädchen, das mich „ganz witzig!“ fand. Aber als es dann um das Eingemachte ging, war es natürlich nicht mehr so interessant. So als sei ich eine Art Hofnarr, mit dem man sich kurze Zeit befasst, und ihn später in die Ecke stellt.

Eine härtere, verbitterte Seite fällt mir auch in den Texten auf, so dass man sich ein wenig Gedanken macht, ob du evtl. mal schlechte Erfahrungen mit Menschen gemacht hast. Wenn man z. B. bedenkt, dass  „The Savage Poetry“ in seiner Urversion euer erstes Album war, hattet ihr es damals vielleicht auch nicht gerade leicht, euch durchzubeißen?

– Es kann schon sein, dass das bei unseren Texten eine gewisse Rolle spielte. Als wir damals mit 14 angefangen hatten, Musik zu machen, wurden wir natürlich viel belächelt mit der These: „Wer will denn heute noch Metal hören?“ Wir waren sozusagen Außenseiter, fast so ein wenig wie in den klassischen Highschool-Filmen, die ich übrigens recht gerne sehe. Das mag jetzt etwas klischeehaft klingen, aber die Außenseiterposition war mir lieber, als von der breiten Masse zu sein und mir diktieren zu lassen, welche Musik ich toll finden soll. Aber ich war nie verbittert oder suizidgefährdet. Es war einfach eine gesunde Wut, die den Texten diesen „Biss“ verleiht.

Wie in dem Song „Eyes of the Tyrant“, wo der Tyrannisierte schließlich selber zum Tyrannen wird?

– So in der Art. „I bear my fangs to you“. Nach dem Motto „Auge um Auge und Zahn um Zahn“. Das war meine Antwort darauf. Das klingt jetzt vielleicht weniger nächstenlieb, aber so waren meine Gedanken damals nun einmal.

Waren…? Das bedeutet also, eure Einstellung hat sich inzwischen geändert…?

– Inzwischen ist mein Motto „Leben und leben lassen“. Es ist keine verbitterte Wut mehr da. Ich bin völlig zufrieden mit meinem Leben und mit dem, was ich tue. Damals konnte ich den Leuten, die über mich lachen, nicht aus dem Wege gehen. Heute kann ich mir das Umfeld aussuchen, in dem ich mich aufhalte. Aber ich bin auch toleranter geworden, kompromissbereiter, und kann mich mit anderen Meinungen und Standpunkten auseinandersetzen. Man lernt ja auch von manchen Leuten. Ich habe in den Fans und anderen Musikern Gleichgesinnte gefunden. Ich bin nicht mehr so radikal und nicht mehr um jeden Preis auf Konfrontationskurs. Der kleine Teufel in mir ist etwas zurückgegangen, und die positiven Einflüsse sind stärker geworden. Heute bin ich viel lieber nett zu den Leuten und hoffe, das sie auch nett zu mir sind. Natürlich gibt es immer welche Vorwürfe von Menschen, die nur den Kasper in mir sehen, der in Kuhhosen auf die Bühne kommt und alles durch den Kakao zieht. Für die bin ich immer noch der Narr, aber ich kann damit umgehen. Die Leute, die uns mögen und sich mit Edguy, den Texten und den Interviews befassen,  wissen sowieso, wie ich drauf bin, –  das es mehrere Seiten von mir gibt. Und wenn mich einige nur als Kasper sehen wollen, sollen sie es doch!

Vielleicht wollen euch einfach einige lieber als Künstler sehen? Theater machen kann jeder. Aber eure Musik machen kann eben nicht jeder.

– Aber ich spiele meinem Publikum nichts vor. Ich bin wirklich so: Der Kleine, Liebe, Nachdenkliche auf der einen Seite und der blöde, dumm labernde Clown auf der anderen. Ich habe nun einmal mehrere Facetten. Ich kann mir über die Umweltsituation Gedanken machen und bin trotzdem der Kasper. Mir fallen andauernd dumme Sachen ein. Aber ich glaube, ich bin glaubwürdig, weil ich das mache, was ich für richtig halte und meinen Fans nichts vorgaukele. Mittlerweile finde ich die Texte zu Savage Poetry auch irgendwie lustig, so frisch und frech.

Mich machen sie eher nachdenklich. Ich finde sie auch recht ausdrucksstark.

– Sie sprechen eine deutlichere Sprache. Heute versuche ich alles ein wenig verpacken. Die Leute müssen erst ein wenig an den Songs rumknispeln und mir Fragen stellen, ehe sie herausfinden, wie es gemeint ist.

Warst du mit eurem Auftritt beim Bang Your Head-Festival in Balingen zufrieden? Immerhin musstet ihr schon zu früher Stunde auf die Bühne.

– Schon um 20 vor 12.00 auf die Bühne zu gehen, war von der Spielzeit her schon etwas unglücklich. Aber das hatten wir bereits im Vorfeld ausdiskutiert und uns eigentlich damit abgefunden. Das ist auch eine Herausforderung, die man annehmen muss, und ich habe ziemlich gerackert, um die Leute wach zu machen und um meinen Applaus zu kämpfen. Wir haben unser Bestes gegeben und waren zufrieden mit dem Gig. Die Reaktion der Leute hat ja auch gezeigt, das sie es sehr gut fanden. Etwas angenervt war ich nur, als wir fünf Minuten eher von der Bühne geholt wurden. Wir hatten gerade 24 Minuten gespielt und wollten gerade „Out of Control“ ansagen. Aber das habe ich schon alles dem Horst gesagt, damit er sich darum kümmert. Ich hoffe, dass der Stage-Manager beschimpft wird dafür.

Wann kann man eine neue Edguy-CD erwarten? In eurem Booklet von The Savage Poetry steht, ihr arbeitet bereits an etwas Neuem?

– Also das lässt noch etwas auf sich warten. Wir haben jetzt ganz langsam mit dem Songwriting angefangen und werden nicht vor Ende des Jahres ins Studio gehen.

Was sind deine Hobbys?

– Neben der Musik jogge ich jeden Tag. Aber das ist eher etwas, um mich fit zu halten. Früher habe ich auch ganz gerne Fußball gespielt. Außerdem sehe ich mir gerne Burgen an. Mittelalter  und Mittelaltermärkte sind ein großes Hobby von mir.

Im Herbst kommt der erste Teil deines neuen Werkes „Avantasia“ heraus, eine Metal-Opera mit mittelalterlicher Story. Kannst du uns etwas dazu sagen?

– Es ist ein zweiteiliges Metal-Epos, dessen erster Teil Anfang November erscheinen wird. Mein Konzept dazu besteht aus 300 Seiten. Es ist wie ein richtiges Buch. Vielleicht wird es mal veröffentlicht. Die Songs dazu werden von zehn unterschiedlichen Metal-Musikern gesungen, die alle verschiedene Rollen übernehmen. So singt David Defeis (Virgin Steele) z. B. in der Rolle eines Mönchs, und Oliver Hardmann (At Vance) ist Papst Clemens der 8. Ich hatte für die Songs eine ganz bestimmte Vorstellung, welcher Sänger welche Rolle bekommen sollte, um den Passagen auch die richtige Stimmung zu geben. Natürlich war es auch irgendwie spaßig, dem Kai Hansen (Gamma Ray) z. B. zu sagen, dass er jetzt ein Zwerg ist. Die Idee der Geschichte ist, dass es eine Organisation gibt, die Menschen zu Untertanen machen möchte und sie deshalb von ihrem Streben nach Erkenntnis fernhält. Man lässt sie dumm. Ihnen wird nur gerade so viel Wissen vermittelt, dass sie bereits glauben, alles zu wissen und nicht zu fragen brauchen. Einer durchschaut das ganze und weiß, er muss etwas tun, um die Phantasiewelt zu erhalten. Hintergrund der Geschichte ist der, dass die Menschen ihr Vermögen, Dinge zu hinterfragen, immer mehr verlieren. Was wissen wir schon über unsere Regierung und von dem, was wirklich passiert? Unsere Gesellschaft ist so unkritisch geworden. Sie wird von den Medien manipuliert, die sie mit „Brot und Spielen“ abgefertigt, bei denen man keine Eigeninitiative zu haben braucht. Unsere Helden sind Zlatko und Konsorten, die Unterhaltung besteht aus Talkshows, mit denen die Menschheit systematisch verblödet wird. Wenn ich so überlege, dass solche Menschen Wahlrecht haben, na dann „Gute Nacht“. Ich möchte die Menschen mit Gleichnissen zum Denken anregen. Diese sind zwar nicht unbedingt typisch für das Mittelalter, passen aber gut in die Zeit. Später geht die Geschichte dann über in Fantasy und Philosophie. Das Märchen beginnt in Mainz um 1602. Zu der Zeit hatte die Religion die Funktion, die heute z. B. die Medien haben. Sie versuchte, die Menschen ohne Beweise etwas glauben zu lassen. Wie z. B. bei den Hexenprozessen, wo systematisch Angst unter das Volk gebracht wurde. Ich will zwar niemandem sein Weltbild nehmen oder seine Religion. Viele Menschen engagieren sich auch positiv in der Religion, das darf man nicht vergessen. Was mir nur nicht gefällt, sind diese Mitläufer, die nicht kritisch hinterfragen, ob es überhaupt Sinn macht, mitzulaufen. Ich finde, jeder sollte seine Meinung haben. Doch er sollte prüfen, ob er diese Meinung auch begründen kann.

Wie bist du eigentlich auf die Idee gekommen, so eine Metal Opera wie Avantasia zu machen?

– Eigentlich hatte mich der Gedanke schon immer gereizt, ein Stück mit mehreren Metal-Musikern zu machen, in dem jeder eine andere Rolle bekleidet. Aber wenn ich manchmal eine Idee habe, verschiebe ich es häufig auf später, diese zu realisieren. So wird letztendlich nie was daraus. Als wir nun die Savage Poetry neu aufgenommen hatten, ergab es sich, dass ich darüber hinaus bereits neues Song-Material zusammen hatte. Mein Entschluss zu Avantasia war schließlich wie eine Kurzschluss-Reaktion. Plötzlich saß ich in einem Riesenberg von Arbeit. Es war ein organisatorischer Stress und hat Geld gekostet ohne Ende. Zur Zeit nutze ich die Bühnenpause, um an dem Booklet zu Avantasia zu arbeiten und Fotos zu machen. Jetzt, wo alles beinahe fertig ist, bin ich sehr zufrieden damit und froh, dass ich mein Vorhaben einfach durchgezogen habe. Nach dem Teil 2 jedoch ist definitiv Ende. Edguy ist und bleibt mein Zuhause, und ich habe noch viel damit vor…

http://www.edguy.net/

Story: Monika Z.

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